Eine Einführung in Architectural Thinking


21.09.2018 von

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Heutzutage befinden sich Unternehmen in einer unangenehmen Lage, da sich das Innovationstempo dramatisch erhöht hat und neue, teils disruptive Wettbewerber etablierte Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen attackieren. Andererseits müssen Unternehmen eine riesige IT-Landschaft betreiben, die eine Implementierung innovativer digitaler Lösungen oftmals behindert. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, investieren große Unternehmen viel in Innovationen und moderne digitale Geschäftsfähigkeiten. Aufgrund dieser Nachfrage wachsen die Communities rund um Agile und Design Thinking rasant. Beide Ideen konzentrieren sich auf Geschwindigkeit und Innovation, beantworten aber nicht die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass sich die erstellten Lösungen ineinanderfügen und in das Gesamtbild des Unternehmens passen. Sie beantworten auch nicht die Frage, wie mit der enormen technischen Verschuldung umgegangen werden soll, die durch die Integration neuer digitaler Lösungen mit Altlasten entsteht. Eine Antwort auf diese Herausforderungen ist Architectural Thinking.

Die Konzentration auf neue Geschäftsmodelle, ohne dabei Nachhaltigkeit und architektonische Integrität ernst zu nehmen, schafft langfristig nur Insellösungen und treibt die Kosten in die Höhe. Dies kann als bewiesene Tatsache angesehen werden, wenn man nur daran denkt, was mit Anwendungslandschaften in den letzten Jahrzehnten mit einem viel langsameren Innovationstempo passiert ist.

Wenn wir diese bestehende Situation in die Zukunft immer schnellerer Innovationszyklen projizieren, wird deutlich, dass ohne einen strukturierten Ansatz zum Management der Abhängigkeiten zwischen Geschäfts- und IT-Strukturen die Komplexität exponentiell zunehmen wird. Unternehmen müssen dieses Problem einfach lösen, solange sie es sich noch leisten können. Dazu sollten sie in alte Geschäfts- und IT-Renovierungen investieren, um die Komplexität zu reduzieren, und lernen, wie sie neue digitale Lösungen in ihre alten IT- und Geschäftsprozesse integrieren können, sodass die technische und organisatorische Verschuldung in einem angemessenen Rahmen bleibt. Sie müssen lernen, fundierte Entscheidungen zu treffen, die auf ganzheitlichen Gesichtspunkten basieren, die die Business- und IT-Architektur integrieren. Sie müssen damit beginnen, strukturierte Verbindungen zwischen allen Ebenen des Unternehmens und der IT-Organisation aufzubauen.

Die meisten IT-Landschaften größerer Unternehmen bestehen aus Hunderten von Anwendungen, die über schlecht gestaltete Schnittstellen miteinander verbunden sind. Diese haben oft bereits eine enorme technische Verschuldung und sind somit unnötig komplex. Meiner Erfahrung nach betreibt ein Unternehmen typischerweise zwischen 80% und 90% mehr IT-Anwendungen (und damit auch Server, Datenbanken, Netzwerke, Kosten), als benötigt würden, wenn eine ideale Architektur vorhanden wäre. Das bedeutet nicht nur eine enorme Verschwendung von Geld und Ressourcen, sondern ist auch ein wesentlicher Grund, warum die IT als langsam und teuer und nicht als Enabler wahrgenommen wird. Die folgende Abbildung zeigt schematisch, wie typische Anwendungslandschaften mittlerer und großer Unternehmen heute aussehen:

Und es gibt einen Hauptgrund für diese katastrophale Situation: Die Geschäftseinheiten sind sich ihrer Verantwortung für ihre Anwendungen nicht bewusst und denken nicht architektonisch. Es besteht zwar die Tendenz, die IT-Abteilung für diese Situation verantwortlich zu machen, aber das ist falsch: Es handelt sich um ein Problem des Business. Anforderungen werden zumeist nicht gut abteilungsübergreifend konsolidiert. Die IT ist häufig nur der Auftragnehmer, der diese punktuellen Anforderungen unter Zeitdruck umsetzen muss. Die folgenden Probleme sind die Hauptgründe für die verfallenden Anwendungslandschaften und gelten für alle Organisationen, die ich kenne:

  • Überschneidung der Verantwortlichkeiten zwischen den Abteilungen
  • Unklare Daten- und Prozessverantwortung
  • Agieren in Abteilungssilos
  • Schwache Verbindungen zwischen den Prozessen, die miteinander verbunden werden sollen (wie Strategie, Produktmanagement, Prozessmanagement, Unternehmensarchitektur)
  • Kurzfristiges Denken hat Vorrang vor langfristigen Nachhaltigkeitszielen

Das Architectural Thinking Framework ermöglicht konsistente, vernetzte, unternehmensweite Strukturen, die eine Rückverfolgbarkeit von der Geschäftsvision bis zur Technologieimplementierung sicherstellen. Dabei ist es schlank genug für agile, aber auch klassische Projektmanagement-Methoden. Architectural Thinking ist kein Prozess oder eine Disziplin. Stattdessen bedient es sich eines inhaltsorientierten Frameworks, das Artefakte und ihre Beziehungen definiert, die durch verschiedene Prozesse geschaffen werden müssen. Das Architectural Thinking Framework ist ein offenes, leichtes architektonisches Framework, das auf langjährigen Erfahrungen basiert. Es zielt darauf ab, dass alle Lösungen eines Unternehmens zusammenpassen, um die Dimensionen (i) Kundenwert, (ii) Finanzen und (iii) Nachhaltigkeit so auszugleichen, dass der Gesamtwert aus unternehmensweiter Sicht kurz- und langfristig maximiert wird.

Das Framework besteht aus vier Teilen:

  • Leichtbau-Architekturmodell
  • Kleiner Satz von Architectural Maps auf Unternehmens- und Lösungsebene
  • Architektur-Prinzipien
  • Integration Points, das heißt Schnittstellen zu relevanten Prozessen des Unternehmens

Das Architectural Thinking Framework ist in einem ersten Entwurf im Wiki der Architectural Thinking Association® verfügbar und enthält detaillierte, praktikable How-tos, die erklären, wie Architekturkarten zu modellieren und zu entwerfen sind und wie sie in die relevanten Prozesse (z.B. Vision Building, Strategic Planning & Governance und Lösungsentwicklung) integriert werden können. Die How-tos sind in unserem Wiki zur offenen Teilnahme veröffentlicht; jeder ist eingeladen, dort praktische Erfahrungen einzubringen. Wer an der Weiterentwicklung des Architectural Thinking Framework interessiert ist, findet weitere Informationen hier.

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